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Ostermarsch München 2007 - Jürgen Rose

Beatrice Altman-Schevitz * Christoph Marischka * Stefan Jagel * Inge Ammon *

Rede zum Ostermarsch am 7.04.2007 auf dem Marienplatz

Jürgen Rose, Oberstleutnant, Vorstandsmitglied Darmstädter Signal

Sehr geehrte Versammelte, liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde!

Sicherlich wird manch einer unter Ihnen sich fragen, was ein Soldat zu einem Ostermarsch für den Frieden beizutragen hat, handelt es sich nach gängiger Vorstellung doch bei Soldaten um bloße Handwerker des Krieges. Und weiter: Darf denn einer, der üblicherweise als Staatsbürger in Uniform herumläuft, überhaupt so einfach in der Öffentlichkeit reden? Ja, das darf er, wenn er es als Staatsbürger ohne Uniform tut und deutlich macht, dass er nichts weiter als seine eigene, ganz private Auffassung vertritt - was ich hiermit tue. Und außerdem: Wenn die Bundeswehr beansprucht, ein Spiegelbild der Gesellschaft zu sein, dann ist es doch ganz selbstverständlich, dass auch Bundeswehrsoldaten als Teil dieser Gesellschaft sich angesichts des sogenannten "Krieges gegen den Terror" Sorgen um den Frieden machen. Denn dieser globale "Kreuzzug", der unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung in Wahrheit der Durchsetzung der Globalisierung mittels militärischer Gewalt dient, ist nichts weiter als selbst ein barbarischer Akt des Staatsterrorismus. Mittlerweile sind diesem von den USA angezettelten weltweiten Globalisierungskrieg sehr viel mehr unschuldige Zivilisten - Männer, Frauen, Kinder und Alte - zum Opfer gefallen, als die grausamen Anschläge von New York, Washington, Madrid oder Bali zuvor gefordert hatten.

Doch zurück zur eingangs gestellten Frage nach der Rolle des Militärs. Bereits im Jahre 1951 sagte einer der Gründungsväter der Bundeswehr, der spätere Generalleutnant und Professor des Hamburger Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Wolf Graf von Baudissin: "Welches sind nun die Aufgaben der Streitkräfte? Wir haben ernsthaft und redlich umzudenken und uns bewußt zu machen, daß der Soldat in allererster Linie für die Erhaltung des Friedens eintreten soll; denn im Zeitalter des absoluten Krieges mit seinen eigengesetzlichen, alles vernichtenden Kräften gibt es kein politisches Ziel, welches mit kriegerischen Mitteln angestrebt werden darf und kann - außer der Verteidigung gegen einen das Leben und die Freiheit zerstörenden Angriff." Ich teile diese Ansicht uneingeschränkt. Aber um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich muss der mörderische Terrorismus eingedämmt und beseitigt werden; auch bin ich kein Anhänger radikalpazifistischer Auffassungen. Dennoch habe ich ganz gravierende Zweifel an der Sinnhaftigkeit und Moralität einer angeblichen Terrorismusbekämpfung mittels militärischer Gewalt wie wir sie derzeit erleben müssen.

Denn das Töten von Terroristen, Fundamentalisten, Islamisten oder sonstigen Feinden der zivilisierten Völker und die Vernichtung ihrer eher armseligen, jedenfalls schnell zu ersetzenden Infrastruktur stellt doch nur ein Kurieren von Symptomen dar. Es ändert nicht das Geringste an den Ursachen für das Entstehen von Denkschablonen und Handlungsmustern, mit denen fundamentalistische Märtyrer in ihren Heiligen Krieg gegen eine als gottlos und zutiefst ungerecht empfundene Welt ziehen. Ganz im Gegenteil: der barbarisch geführte Kampf gegen den Terror gebiert nur immer neuen Terror und züchtet tagtäglich neue Terroristen zuhauf.

Doch anstatt innezuhalten, die Folgen bisheriger Weltpolitik der USA zu überdenken und diese gegebenenfalls grundlegend zu ändern, hat aus seinem Oval Office in Washington ein wiedererweckter evangelikaler Fundamentalist mit seiner Junta einen gotteslästerlichen "Kreuzzug gegen den Terrorismus" gestartet. Und bis zum heutigen Tage erteilt ihm die Mehrheit der Volksvertreter im amerikanischen Kongress den Freibrief dazu.

Aber auch in anderen Teilen der Welt pflegen die Regierungen die blödsinnige Kriegsrhetorik, unter dem Beifall fast der gesamten gleichgeschalteten Medienlandschaft. Hierzulande hatte Gerhard Schröder die Phrase von der "uneingeschränkten Solidarität" gedroschen, andere Polithelden erklärten, dass wir ab sofort "alle Amerikaner" seien und seit sieben Jahren wird die Bundeswehr in den völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Terror gehetzt. Der amtierende Inspekteur des deutschen Heeres, der Generalleutnant HansOtto Budde, hat neulich erst die wahrhaft atemberaubende Parole hierzu ausgegeben. In kriegshetzerischer Feldherrnpose proklamierte er: "Auch wenn wir irgendwann sagen können, die Schlachten in Afghanistan oder woanders sind beendet, wird der Kampf gegen den Terrorismus ewig weiter gehen. Der Terrorismus wird überall unser Feind sein. Wir müssen das zur Kenntnis nehmen und dürfen den Kampf gegen ihn nie aufgeben. Er wird nicht in vierzehn Tagen und auch nicht in vierzehn Wochen zu Ende sein, sondern ewig dauern. Wir sind stark genug, ... und ... werden den Krieg gegen diesen Feind gewinnen. Ich habe keinen Zweifel daran, daß wir das tun werden." [Zitat Ende]

Was all die kriegsbesoffenen Endsiegverkünder geflissentlich ignorieren, ist der eigentliche, der tagtägliche Terrorismus, der auf unserem Planeten herrscht. Jean Ziegler bringt den Skandal auf den Punkt, wenn er anprangert, dass jeden Tag 100.000 Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen sterben - insgesamt 36 Millionen allein im Jahr 2006. Und alle sieben Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren. Das ist der wahre Terrorismus - nämlich der Terror der Reichen gegen die Armen.

Die Rüstungsausgaben der USA erreichen in diesem Jahr die astronomische Summe von etwa 500 Milliarden Dollar. Das ist der größte Rüstungsetat der Welt. Diese ungeheuerliche Verschwendung von Ressourcen ist schlechterdings obszön. Nicht etwa deswegen, weil die gewaltigste Militärmaschinerie der Weltgeschichte angesichts der eiskalten Rationalität, der unerschütterlichen Entschlossenheit und der selbstmörderischen Furchtlosigkeit ihrer, wie es im postmodernen Militärjargon heißt, "asymmetrisch" kämpfenden Feinde schmählich versagt hat, ja versagen musste.

Sondern vor allem deswegen, weil bereits mit einem Bruchteil der für militärische Zwecke aufgewendeten Mittel die Ursachen und nicht nur die Symptome terroristischer Gewalt bekämpft werden könnten. Statt dessen stellt der amerikanische Kongress umstandslos, quasi aus der Portokasse, Hunderte von Milliarden für eine unsinnige Terroristenhatz mit militärischen Mitteln zur Verfügung. Man stelle sich die Entrüstung derselben Abgeordneten vor, hätte man von ihnen verlangt, die gleiche Summe für Entwicklungshilfe bereitzustellen. Dabei ist offensichtlich, dass in Ländern wie Afghanistan, Irak oder Iran Bomben und Raketen das letzte sind, was zur Friedensstiftung beitragen kann.

Robert Bowman, der als Kampfpilot der amerikanischen Streitkräfte während des Vietnamkriegs selbst Tod und Vernichtung vom Himmel schickte und später dann als Bischof der Vereinigten Katholischen Kirche in Melbourne Beach, Florida wirkte, geißelt die Kriegspolitik seiner Regierung mit folgenden Worten: "Anstatt unsere Söhne um die Welt zu schicken, um Araber zu töten, damit wir das Öl, das unter deren Sand liegt, haben können, sollten wir sie senden, um deren Infrastruktur wieder in Stand zu setzen, reines Wasser zu liefern und hungernde Kinder füttern." Und er fährt fort mit den Worten: "Kurzum, wir sollten Gutes tun anstelle von Bösem. Wer würde versuchen, uns aufzuhalten? Wer würde uns hassen? Wer würde uns bombardieren wollen? Das ist die Wahrheit, die die amerikanischen Bürger und die Welt hören müssen." Stattdessen haben sich die Vereinigten Staaten von Amerika mit ihrer gigantischen Militärmaschinerie zur dramatischsten Bedrohung für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit entwickelt, indem sie unter Missachtung jeglichen Völkerrechts den präventiven Angriffskrieg zur nationalen Sicherheitsdoktrin erheben.

Nicht Krieg aber kann den Frieden bringen, sondern allein Gerechtigkeit. In Abwandlung des altbekannten römischen Wahlspruchs muss die Devise demnach lauten: Wenn du den Frieden willst, so diene dem Frieden! Dieser Kampf für den Frieden muss um die Seelen und Herzen der Menschen in den islamischen Ländern geführt werden - doch ist unvorstellbar, dass hierbei Bomben und Raketen zum Erfolg führen könnten. Jede Bombe auf Afghanistan, auf den Irak und vielleicht bald schon auf den Iran steigert nur den Hass gegen die USA in der muslimischen Welt ins Unermessliche. Jeder Raketeneinschlag dient der Stabilisierung von Regierungen im Nahen und Mittleren Osten, die durch und durch korrupt, menschenverachtend und alles andere als demokratisch sind. Doch all dies zählt offenbar nichts, wenn frühere Schurken heute als Alliierte benötigt werden.

Ich habe afghanische Flüchtlingslager im Iran und Pakistan mit eigenen Augen gesehen, das Elend in den Palästinenserlagern des Südlibanon und die unbeschreibliche Armut der Menschen im Sudan und anderswo in der islamischen Welt. Zumindest ein Gedanke resultiert aus jenen Bildern, nämlich dass dies die Höllen sind, in denen jene zornigen jungen Männer geboren werden, die nur ein Wunsch beseelt: Ihre Hölle in unsere Hölle zu verwandeln.

Zugleich aber bin ich im Verlaufe vieler Reisen durch den Nahen und Mittleren Osten auch ungezählten Menschen - Männern und Frauen, Kindern und Alten - begegnet, die mir als "reichem Aleman" trotz eigener Armut dutzendfach großartige Herzlichkeit und überwältigende Gastfreundschaft entgegenbrachten. Es ist an der Zeit, etwas von diesen Erfahrungen zurückzugeben und wenn es nur ein wenig Solidarität und die Gewissheit ist, dass dieser Krieg nicht mein Krieg ist!



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